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Eis um Insel Usedom

Eisbrecher. Damit es nicht zu Überflutungen in der Oder-Region kommt, sind mehrere deutsche und polnische Tonnenleger im Einsatz. Ein mühsamer Auftrag.
Greifenhagen. Ganz langsam, fast schon im Schneckentempo, bahnt sich der Eisbrecher „Usedom“ auf der Oder seinen Weg. Zehn Stundenkilometer bedeuten für das Schiff der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung Eberswalde (WSV) im Landkreis Barnim Höchstgeschwindigkeit. Für eigentlich kurze Strecken braucht das Schiff eine halbe Ewigkeit. Das hat seinen Grund: Der fast 900 Kilometer lange Fluss, der in Tschechien entspringt, durch Polen fließt und die Grenze zwischen Polen und Deutschland bildet, ist übersät mit Eisschollen. Ein harter Gegner für Kapitän Hans Grabandt und seine Männer. Das Eis gilt es klein zu „hacken“, sodass es auf der Oder nicht zu Eisstaus kommen kann. Allzusehr sind die vergangenen Hochwasser noch in Erinnerung, die vermieden werden sollen.

Tauwetter ist in diesen Tagen angesagt – endlich. Nach achtwöchigem Dauerfrost haben die rund 30 Schiffsleute der WSV vor einer Woche ihre Arbeit aufgenommen. 13 Tonnenleger, wie die Eisbrecher offiziell heißen, sind nun im Einsatz. Sieben deutsche und sechs polnische Fahrzeuge. Die Einsatzleitung hat die Zentrale in Stettin. Das Eingreifen der Eisbrecher bei Minus-Temperaturen wäre jedoch vergebene Liebesmüh‘ gewesen, erklärt Sebastian Dosch, stellvertretender Amtsleiter der WSV. Vorne hätten die Tonnenleger das Eis geknackt, am Heck wäre es schon wieder zugefroren.

Der zweite Schiffsführer, der 29-jährige Ronny Neumann, liest um 7 Uhr am Morgen das Thermometer auf dem „Usedom“ ab: ein Grad Celsius. Ein eisiger Wind peitscht dennoch über die kleine Kreisstadt Greifenhagen (Gryfino) in Hinterpommern, kurz hinter der deutschen Grenze gelegen und heute der Ausgangsort für die Fahrt. Kapitän Grabandt fährt seit 1976 als gelernter Wasserbauer und Schiffsführer für die WSV. Die längste und härteste Winterperiode seit Jahren im Nordosten nimmt der 59-Jährige gelassen zur Kenntnis. Da sei die Situation im vergangenen Jahr schon schwieriger gewesen, erinnert sich Grabandt. Schnee lag auf dem Eis, das dadurch weicher geworden war und komplizierter zu knacken. „Im Prinzip ist es aber für mich jedes Jahr dasselbe“, erklärt er kurz und knapp, während die ganze Zeit polnisches Stimmengewirr der Kollegen aus dem Funkgerät sprudelt.

Als der „Usedom“ auf eine großflächige Eisplatte zusteuert, hilft nur noch eins: „Boxen“ nennt Grabandt das Zertrümmern des Eises und demonstriert im nächsten Augenblick, was er damit meint. Der Kapitän macht etwa 20 Meter vor einer scheinbar unüberwindbaren Eisplatte halt. Mit Vollgas – der 1958 gebaute Tonnenleger hat immerhin 680 PS im Gepäck – reißt Grabandt das Schiff aus seiner Lethargie. Der Chef zuckt noch nicht einmal mit der Wimper, als er alles aus der Maschine herausholt. Der betonverstärkte Bug des Schiffes bohrt sich mit Macht durch die Scholle. Zurück bleiben mehrere zersplitterte Stücke Eis, die auf der Oder wie viele einzelne Puzzlestücke wirken. Mit dem Unterschied, dass sie nicht mehr zusammengesetzt werden sollen.

Der „Usedom“ erhält dabei in seinem Kampf mit dem Eis Unterstützung. Ein „Brecher“ allein könnte in der breiigen Masse stecken bleiben und wäre dann auf fremde Hilfe angewiesen. Parallel zum „Usedom“ fahren daher die polnischen Kollegen mit ihrem Tonnenleger in Richtung Stettin und tun das Gleiche auf ihrer Hälfte des Flusses. Die Eisschollen sollen in die Ostsee abtreiben, um die Überflutungsgefahr möglichst gering zu halten – insbesondere in Polen, das bislang keine Deiche entlang der Oder gebaut hat. Zuletzt machte jedoch starker Wind aus Norden einen Strich durch diese Rechnung.

Während Hans Grabandt aus Konzentrationsgründen maximal vier Stunden für Richtung und Geschwindigkeit des „Usedom“ verantwortlich sein kann, steht noch ein Maschinist neben ihm, der vor allem die Stromversorgung im Auge haben muss. Unter Deck sorgen derweil Bootsmann Ralf Fischer und Schiffsführer Ronny Neumann, der später seinen Boss ablöst, für den Abwasch vom Frühstück. Daneben haben sie auch das Schiff von innen und außen sauber zu halten. So gehört unter anderem das Putzen der Scheiben zu ihrem Aufgabengebiet.

24 Stunden sind sie auf dem Boot – und das drei bis vier Monate im Jahr. Für manchen vielleicht eine große Entbehrung, so lange Zeit nicht mehr zu Hause zu sein. Und vor allem zu viert auf engem Raum zu leben. „Meine Freundin und ich haben uns darauf eingestellt, dass ich ein Drittel des Jahres nicht da sein kann. Zum Glück verstehen wir Kollegen uns untereinander alle gut“, sagt Ronny Neumann. Und wenn beim Quartett doch mal der Lagerkoller eintritt? „Dann kann man sich hier dennoch gut aus dem Weg gehen. Es gibt genug Räume, in denen man auch mal alleine sein kann“, gibt Neumann zu verstehen.

Jeder hat eine spartanisch eingerichtete Kajüte als Wohn- und Schlafraum. Eine Etage darüber befindet sich die Kombüse, daneben die „Messe“, ein Aufenthaltsraum. In der Regel steht das seit sieben Jahren eingespielte Team morgens um halb sechs auf und ist dann bis 18 Uhr auf der Oder und ihren Nebenflüssen wie der Warthe unterwegs. „Nach dem Abendbrot spielen wir Karten oder gucken Fernsehen“, erzählt Hans Grabandt. Lust und Liebe für die Arbeit auf dem Wasser hat der gestandene Kapitän von seinen Eltern vererbt bekommen, die auch Schiffer waren.

Noch bis mindestens Ende März ist das Quartett auf der Oder unterwegs, um das Eis zu entfernen und den Weg für die Schiffahrt freizumachen. 150 Kilometer, dazu weitere 100 Kilometer auf der Warthe, sind zu absolvieren. Danach müssen sie die Gewässer noch auf Hindernisse wie Baumstämme überprüfen sowie den Fluss mit Hinweisen zur Fahrrinnentiefe versehen. Doch ein bisschen schweifen die Gedanken beim Kampf mit dem Eis schon ab in Richtung Sommer. Die Aufgabe, in Hohensaaten für den reibungslosen Schiffsverkehr zu sorgen, sei deutlich entspannender, blickt Grabandt bereits voraus.

Quelle: www.nordkurier.de

Nachricht vom 26.2.10 16:48

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Letzte Aktualisierung: Mittwoch, 08. September 2010

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